Verfassungsschutz vs. Staatssicherheit: Was der Schüler wissen muss

Normalerweise gibt man sich im Gesichtsuntericht an deutschen Gymnasien nicht extra die Mühe, die Güte der freiheitlich demokratischen Grundordnung zu beweisen – die ist schon immer vorausgesetzt. Interessiert blickt man in die Weltgeschichte und entdeckt dort lauter Abweichungen vom besten aller vorstellbaren Gesellschaftssysteme. Mit einer Erklärung der Hintergründe und Bedingungen dieser Unterschiede will man sich nicht befassen: Es reicht aus, die aus Sicht der westlichen Demokratie mangelhaften Zustände vergangener Zeiten zu registrieren um erleichtert feststellen zu können, dass sich die Menscheit resp. das deutsche Volk nun im Stadium der behaupteten Freiheit angekommen ist.

Wenn dann allerdings der sich auf sozialistischen Abwegen befindliche kleine Bruder der BRD und insbesondere seine Maßnahmen zur Aufrechterhaltung des sozialistischen Systems zum Stoff wird, gibt es ein Problem: Auch der unaufmerksamste Zappelphilipp bemerkt nämlich, dass die BRD ebenfalls einen Geheimdienst unterhält und stellt sich schon die Frage, was denn die Stasi bitteschön vom Verfassungsschutz unterscheidet.

Für diesen Fall hat der Ausbilder in Sachen FDGO vorgesorgt und hält eine kleine Tabelle bereit, die den potentiellen Quälgeist von sämtlichen Zweifeln diesbezüglich befreit:

VS
Freiheit des Bürgers sichern helfen.

MfS
Entmündigung des Bürgers.

VS
Arbeit auf rechtsstaatlich einwandfreier Rechtsgrundlage (BVerSchG).

MfS
Tätigkeit beruhte auf willkürlicher gesetzlicher Grundlage (Gesetz vom 08.02.1950)

VS
Dient dem freiheitlichen Schutz der Demokratie.

MfS
Diente dem Machterhalt einer Partei (SED).

VS
Beobachtet nur die Organisationen, die die Grundprinzipien der freiheitlichen Demokratie ganz oder teilweise abschaffen wollen.

MfS
Erfaßte jedes von der verordneten Meinung abweichende Verhalten und durchdrang die gesamte Gesellschaft.

VS
Er ist eine zivile Einrichtung.

MfS
Es war eine militärische Organisation.

VS
Er ist ein im Vorfeld strafbare Handlungen beobachtender Nachrichtendienst. Verfügt über keinerlei Zwangsbefugnisse.

MfS
Er hatte Polizeibefugnisse.

VS
Er wird von allen Staatsgewalten kontrolliert

MfS
Er unterlag keiner rechtsstaatlichen Kontrolle

VS
Die Gesamtzahl der Mitarbeiter betrug in der alten Bundesrepublik knapp 5000.

MfS
Es hatte rund 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter (Stand 1989).

VS
Sucht den Dialog mit der Öffentlichkeit, mit den Bürgerinnen und Bürgern des Landes.

MfS
Ein bewußt konstruierter Deckmantel aus Schweigen und Furcht. Indoktrination statt Information.

Ob dieses Material direkt vom Verfassungsschutz zur Verfügung gestellt wurde oder ob man den ostdeutschen Lehrkräfte mittlerweile zutraut, selbst so etwas zu produzieren, konnte ich nicht herausfinden.

(Mir fehlt im Moment das Vermögen, die Dummheit dieser Gegenüberstellung sachlich in Worte zu fassen – vielleicht später mehr…)

Beim BAK Shalom weiß man: Israel lieb!

Beim BAK Shalom der Linksjugend weiß man, was für ein friedliebender Staat dieses Israel ist:

Obwohl es keine militärische Lösung des Konflikts geben kann, wird es leider auch nicht ohne die erforderliche Gegenwehr gehen. Dies ist nicht die Schuld Israels, sondern der islamistischen Terrororganisationen und -staaten, die sich mit einer Existenz des jüdischen Staates nicht abfinden wollen. Vielmehr gilt: Wenn diese die Waffen niederlegen würden, gäbe es Frieden. Wenn Israel die Waffen niederlegte, gäbe es kein Israel mehr. Dies ist ein Unterschied ums Ganze, der viel zu selten verstanden wird.

Offensichtlich missverstehen auch Staaten wie Ägypten oder Jordanien die friedfertigen Absichten von Israel. Die stationieren nämlich – begriffsstutzig wie sie sind – glattweg Truppen an die Grenzen zu ihrem wohlmeinenden Nachbarn, weil sie sich einbilden, dass der jenseitige Gewaltmonopolist ihre Interessen berühren könnte. Dumm, was?

Es ist schon so: Ohne eine Verklärung der Zwecke, die so ein Staat hat, und der Mittel, deren er sich bedient, ist eine Soli mit seinem jeweiligen Lieblingsstaat einfach nicht zu haben.

Hier eine Erklärung: http://doku.argudiss.de/?Kategorie=all#178 (mp3)

Max Frisch gegen die bürgerliche Freiheit

Aus dem Roman „Stiller“:

[…] Mein Verteitiger irrt sich; ich hasse nicht die Schweiz sondern die Verlogenheit. Das ist, auch wenn es in der Folge oft aufs gleiche hinausläuft, grundsätzlich ein Unterschied. Als Häftling, mag sein, bin ich besonders empfindlich auf ihr Schlagwort von der Freiheit. Was, zum Teufel, machen sie denn mit ihrer sagenhaften Freiheit? Wo es irgendwie kostspielig wird, sind sie so vorsichtig wie irgendein deutscher Untertan. In der Tat, wer kann es sich leisten, Frau und Kinder zu haben, eine Familie mit Zubehör, wie es sich gehört, und zugleich eine freihe Meinung nicht bloß in Nebensachen? Dazu braucht es Geld, so viel Geld, daß einer keine Aufträge braucht und keine Kunden und kein Wohlwollen der Gesellschaft. Wer aber so viel Geld beisammen hat, daß er sich wirklich die freihe Meinung leisten könnte, ist ohnehin mit den herrschenden Verhältnissen meistens einverstanden. Was heißt das? Auch hierzulande herrscht das Geld, heißt das. Wo bleibt also die glorreiche Freiheit, die sie sich wie einen verdorrten Lorbeer hiner den Spiegel stecken; wo bleibt sie in iher täglichen Wirklichkeit? Mein Verteitiger schüttelt den Kopf.
„Wenn Sie vor dem Gericht so reden werden“, sagt er ganz hoffnungslos, „vor der versammelten Presse –“
Das ist es ja.
„Damit schaden Sie sich nur“, sagt er.
Wahrscheinlich kann es überhaupt keine Freiheit geben, wie man sie hierzulande zu haben behauptet; es gibt nur Unterschiede in der Unfreiheit, und ich gebe gerne zu, daß sie eine vergleichsweise milde Form von Unfreiheit haben. Sie werden mich nicht erschießen. Dafür bin ich ihnen denn auch sehr dankbar, doch nicht verpflichtet, die landesüblichen Verlogenheiten zu lieben. Er nennt es anders, ich weiß, die Verlogenheit in ihrer gefährlichsten Form, nämlich wenn sie mit einer Fahne antritt, mit dem Anspruch, heilig und unantastbar zu sein; er nennt das Vaterlandsliebe. Es ist blöd von mir, daß ich mich immer wieder bis zur Ernsthaftigkeit aufrege. Man kann mit diesen Schweizern nicht über Freiheit sprechen, ganz einfach, weil sie es nicht ertragen, daß man sie in Frage stellt, die Freiheit, und daß man sie nicht als ein schweizerisches Monopol betrachtet, sondern als ein Problem. Überhaupt fürchten sie sich vor jeder offenen Frage; sie denken immer gerade soweit, wie sie die Antwort schon in der Tasche haben, ein praktische Antwort, eine Antwort die ihnen nützlich ist. Und insofern denken sie überhaupt nicht; sie rechtfertigen nur. Sie wagen es unter keinen Umständen, sich selbst in Zweifel zu ziehen. Ist das nicht gerade das Zeichen geistiger Unfreiheit? Sie können sich wohl vorstellen, daß Frankreich oder Großbritannien einmal untergehen; aber nicht die Schweiz, das würde Gott, sofern er nicht Kommunist wird, nie zulassen, den die Schweiz ist doch die Unschuld. Ich habe übrigens darauf geachtet, wie oft mein Verteitiger zur Rechtfertigung der Schweiz, auf russische Untaten verweist, auf Hitler lieber nicht; wie es ihm als Schweizer schmeichelt, die fürchterliche Tatsache, daß es anderswo Konzentrationslager gibt. Was will er damit, in Hinsicht auf sein Land eigentlich beweisen? Einmal wage ich zu sagen:
„Sie hatten Glück, Herr Doktor, daß Hitler damals eure Souveränität und damit euer Geschäft bedroht hat; damit verbot sich die eigene Entwicklung zum Faschismus. Aber sie glauben doch nicht im Ernst, daß das schweizerische Bürgertum, als einziges in der Welt, keine Gefälle habe zum Faschismus, wenn er einmal ihr Geschäft nicht bedroht, sondern steigert? Die Probe wird nicht ausbleiben, lieber Doktor, ich bin gespannt.“
Darauf packt er seine Ledermappe.
„Als freier Schweizer“, sagt er und scheint schon wieder gekränkt zu sein. „– Warum lachen Sie?“
Frei! Frei! Frei! und umsonst ersuche ich ihn, einmal zu sagen: frei wovon? und vor allem! frei wofür? Er sagt einfach, er sei frei, und auch ich, der ich auf der Pritsche hocke und den Kopf schüttle, wäre frei, wenn ich bloß die Vernunft hätte, ihr verschollener Schweizer zu sein. Die Hand auf der Klinke, bereit in seine Freiheit hinauszugehen, sagt er ganz harmlos-besorgt:
„Warum schütteln Sie den Kopf?“
Man müßte denken können. Man müßte sich ausdrücken können, so daß ihnen nichts anders übrigbliebe als ihre Wahrheit. Ich sehe bloß, daß es sogar mit der staatsbürgerlichen Freiheit, deren sie sich so Rühmen, als wäre sie die Freiheit des Menschen schlechthin, in der Tat ziemlich faul ist, und ich kann mir ausrechnen, das sie als ganzes Land, als Staat unter Staaten, genauso unfrei sind, wie irgendein kleiner Kleiner unter Größeren, das ist un einmal so, nur dank ihrer Unwichtigkeit (ihrer heutigen Geschichtslosigkeit) können sie sich selbst zuweilen in dem Anschein gefallen, unabhängig zu sein, und auch dank ihrer kaufmännischen Vernünftigkeit, die sie um des Handels willen zwingt, höflich zu sein mit den Mächtigen, und wer gegen die Mächtigen, da er so wohl von ihnen lebt, nichts einzuwenden hat, wird sich immer frei und unabhängig fühlen. […]

Max Frisch, Stiller, suhrkamp (1973), Seite 196ff

Nationalismus in der Krise

Alexander Hagelüken kommentiert in der Süddeutschen Zeitung die Finanzkrise:

Im Kern geht es darum, ein Finanzsystem ins Gleichgewicht zu bringen. Hedgefonds sitzen bevorzugt in Steuer-Oasen, wo sie ohne staatliche Aufsicht mit Summen jonglieren, mit denen sie alle großen deutschen Konzerne kaufen könnten. Eine nützliche Idee wie die Kreditversicherung ist zu einer Spekulationswaffe mutiert – mit dem zehnfachen Volumen der deutschen Wirtschaftsleistung. Mit einem Wimpernschlag werden Werte in der Größe zerstört, wie sie alle Deutschen in einem langen Arbeitsjahr schaffen. Die neuen Gewalten zerren selbst an große Industriestaaten. Ihre Kräfte müssen gezähmt werden, damit die Bürger die Kontrolle über ihr Dasein zurückerlangen – statt ständig in der Furcht zu leben, dass anonyme Mächte mit ihrer Existenz spielen.

Ja, da ist einfach alles dabei, was einen guten Nationalisten ausmacht: Vor auswärtigen (noch dazu anonymen) Kapitalen, mit der Potenz die deutsche Wirtschaft platt zu machen, gilt es sich in acht zu nehmen. So als wäre die deutsche Binnenökonomie ein freundliches Pfadfinderlager mit dem Zweck, die schwarz-rot-goldene Fähnlein Fieselschweif-Bande durchzufüttern. Dass jedes x-beliebige Unternehmen immer drauf und dran ist, seine Konkurrenten abzuwatschen, und zwar ganz gleichgültig bei welchem Staat die Konkurrenz gemeldet ist, weil ein spanisches Unternehmen nun mal genauso eine Schranke für den eigenen unternehmerischen Erfolg darstellt, wie ein deutsches, kommt dem Hagelüken nicht in den Sinn.

Der macht lieber Stimmung indem er von den Werten erzählt, die die Deutschen im Angesicht ihres Schweißes („langes Arbeitsjahr“ – schon klar!) erarbeitet hätten, und tut dabei so, als müsste es jedem lohnarbeitenden Fatzke ein riesiges Anliegen sein, dass das Eigentum, das er unter dem Kommando des Kapitals und für das Kapital geschaffen hat, auch weiterhin in dessen Händen bestehen bleibt. Darüber hinaus vergisst der Hagelücken, dass die lohnabhängige Masse von diesem Geschäft auch sonst nicht weiter hat, als einen Lohn, der nicht klein genug sein kann – das heißt, falls man überhaupt als Mittel für den Gewinn eines Unternehmen gebraucht wird.

Aber vollkommen lächerlich macht sich dieser Schmierfink mit der Forderung, dass die „anonymen Mächte“ gezähmt“ werden müssen, „damit die Bürger die Kontrolle über ihr Dasein zurückerlangen“. Ich weiß ja nicht, wen der Kerl mit „Bürger“ meint. Aber das die Masse der Leute noch nie die Kontrolle über ihr Dasein hatte, weil ein paar wenige die Mittel dazu ihr Eigen nennen und nicht im Traum daran denken, diese Potenzen einfach zur Bedürfnisbefriedung zu benutzen, schießt doch geradezu ins Auge. Und sollte es wirklich darum gehen, die Produktion des Daseins gemeinschaftlich zu kontrollieren, dann sollte man diese „anonymen Mächte“ nicht „zähmen“, sondern muss sie sich bekannt machen und brechen.

Nichtdemokratie: Ein prima Argument für den Staat

Wenn der bürgerliche Staat seine Früchtchen zu Parteigängern seines Systems machen will, muss er selbstverständlich einiges dafür tun, dass ihnen die Güte dieses Ladens auch einleuchtet. Darauf verlassen, dass sich die Erleuchtung mit den Erfahrungen einstellt, die junge Menschen in dieser Gesellschaft so machen, will er sich offensichtlich nicht. Also ergreift er die Initiative und beliefert die Insassen seiner Bildungsanstaltung mit stichhaltigen Argumenten.

Zum Beispiel mit diesem hier, von dem der örtliche Ausbilder in Sachen „freiheitliche demokratische Grundordnung“ so viel zu halten schien, dass er es in großen Lettern an die Tafel produzierte:

WORTE EINES DEMOKRATIEFORSCHERS:

„DIE ZWEITBESTE DEMOKRATIE IST IMMER NOCH BESSER ALS DIE BESTE NICHTDEMOKRATIE.“

Das ist schwer zu widerlegen. a) Schon weil es ein Demokratieforscher gesagt hat, der ja naturgemäß von der Materie etwas versteht und nachgeforscht hat. b) Aber auch weil von der Nichtdemokratie bekannt ist, dass sie nicht demokratisch ist. Und soviel steht ja schonmal fest: In einer Nichtdemokratie leben – das will niemand. c) Und schliesslich ist es ein grosses Gütesiegel für eine Sache, wenn sie etwas nicht ist, von dem man weiss das es ganz ganz schlimm ist: Nichtdemokratie zum Beispiel, selbst wenn es sich um die beste Nichtdemokratie aller Zeiten handelt.

Der falsche Appell an soziale Verantwortung

Mit dem Appell an soziale Verantwortung ist der Bürger schnell zur Stelle. Zur Zeit trifft er die Supermärkte und Molkereien, die mit ihrer Preispolitik den hilflosen Bauern zusetzen. Vor einiger Zeit war der Arbeiter entlassende Handyhersteller Nokia ins Kreuzfeuer appellierender Bedenkenträger geraden. Und auch eine streikende Lokführergewerkschaft traf vor nicht all zu langer Zeit der Vorwurf, mit ihrer Verantwortung für die – in diesem Fall – deutsche Wirtschaft sehr fahrlässig umzugehen.

Von welcher Beschaffenheit diese Verantwortung sein soll, die immer dann der einen Seite unterstellt wird, wenn die andere gerade einen Schaden von ihr trägt, bleibt stets unerwähnt.

Eines fällt jedoch auf: Wenn sich der Bürger zur Abwendung seines Schadens auf soziale Verantwortung beruft, führt er sein Lieblingsargument – das Gesetz – nicht ins Feld. Von rechtlicher Art ist die behauptete Verantwortung offenbar nicht. Ganz im Gegenteil: Das Recht sorgt gerade dafür, dass die betreffenden Institutionen die Freiheit genießen, gegen die Interessen der Geschädigten zu handeln. So bei den in der Kritik stehenden Supermärkten, denen qua Recht zugestanden wird, die Bedingungen der Veräußerung ihrer Waren nach Gutdünken selbst zu regeln (=Privateigentum).

Das weiß er auch, der Bürger. Und so ist sein Appell an sozialen Verantwortung gerade das Resultat der Einsicht, hier einer ökonomischen Macht hilflos gegenüber zu stehen. Eine Einsicht, die ihn leider nicht zu der Frage führt, was für eine beknackte Produktionsweise das ist, die ihn von gegensätzlichen Privatinteressen abhängig macht.

Stattdessen richtet sich sein Blick auf die ökonomischen Subjekte, von denen er im Klartext fordert, dass sie ihre Macht so gebrauchen sollen, dass es ihm zum Vorteil gelangt. Und er wundert sich dabei nicht einmal, dass diese Macht eben noch das Mittel war, gegen sein Interesse vorzugehen.

Nokia macht schluss: Wieder nichts gelernt

Schon wieder schließt ein großer Konzern seine Produktionsstätte am Wirtschaftsstandort Deutschland. Diesmal ist es der Handyhersteller Nokia, der in ein paar Monaten die Lohnzahlungen an ca. 2300 Mitarbeiter einstellen wird. Für ca. 1000 Leiharbeiter ist jetzt schon Schluss. Die Betroffenen, zu denen neben den Arbeitern naturgemäß der Staat gehört und ein paar weitere Unternehmungen, die aus der Anwesenheit von so vielen Leuten einen Nutzen ziehen, verkünden ihr Missfallen. Und dazu haben sie auch Grund, denn einen Schaden tragen sie von diesem Schritt allesamt davon – nur jeweils einen ganz anderen.

Die Erklärung, wie ihr Schaden zustande kommt, teilen sie dann jedoch wieder. Der komme nämlich von Nokias „allein auf Profitmaximierung ausgerichtete Geschäftspolitik“. Hier fällt der christsoziale Politiker Stoiber das Urteil, es könnte aber auch genausogut von einem Gewerkschaftssprecher[1] oder einem Abgeordneten[2] „der Linken“ stammen. Zwar ist der Satz seinem Gehalt nach richtig. Allerdings wollen sie den nicht als logischen Schluss aus dem allgemeinen Urteil Dem Kapital geht es allein um Profitmaximierung verstanden wissen.

Die haben etwas anderes im Sinn, wenn sie so etwas sagen: Der Konzernleitung von Nokia werfen sie nämlich moralisches Versagen vor. An das Wohl der Arbeiter würden diese Leute nicht denken[3], sondern sich darauf beschränken, aus Geld mehr Geld zu machen, so der Vorwurf. In diesem äußert beliebten Urteil, nach dem man nicht lange suchen muss, wenn ein großes Unternehmen mal wieder das tut wozu ihn die Konkurrenz, in der es sich begeben hat, zwingt, kommt die Notwendigkeit, mit der diese ganze Poduktionsweise Schaden anrichtet, gar nicht vor. Das ist, in dieser Vorstellung, immer nur dann der Fall, wenn Funktionseliten ihrer sozialen Verantwortung nicht nachkommen.

Und diese Verantwortung schieben sie ihnen glatt unter. Ausgerechnet von den Charaktermasken des Staates, der das Recht auf Privateigentum garantiert und obendrein auch noch die Freiheit, damit anzustellen was man will, wird die Erwartung an das Kapital gestellt, doch bitteschön Verantwortung für das Umfeld, auf das es wirkt, zu übernehmen.[4]

Die Vorstellung verrät umgekehrt, wie sie sich das kapitalistische Wirtschaften im Idealfall vorstellt, nämlich als eine Sache, die allen Interessen in dieser Gesellschaft gerecht wird, solange nur jeder – schön moralisch – seinen Nächsten liebt. Vom fundamentalen Klassengegensatz, der sich daran fest macht, dass für die einen Kostenfaktor, was für die anderen Lebensmittel ist, will man nichts wissen.

Dass eine gewisse Motivation zu solchen Äußerungen – von Seiten der Politikerklasse – durch den laufenden Wahlkampf besteht, ist wohl anzunehmen. In diesem Rahmen bietet es sich auch an, sich durch die Zurückweisung selbst der billigsten Einsichten in diese Wirtschaftsweise, in ein moralisch günstiges Licht zu rücken: „Des einen Leid ist des anderen Freud: Das darf es in Europa nicht geben.“ (Harald Schartau, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,529212,00.html)

[1] Ein Betriebsrat sagte: „Ich bin tief enttäuscht. Ich bezeichne so etwas als Habgier bei einer Firma, die Milliardengewinne macht.“
(http://www.jungewelt.de/2008/01-16/057.php)
[2] Fraktionsvorsitzende Klaus Ernst erklärte, die Nokia-Pläne seien ein »Symbol für eine schier endlose Profitgier«.
(http://www.jungewelt.de/2008/01-17/064.php)
[3] „Die Menschen, die ihre ganze Arbeitskraft in den Erfolg des Unternehmens investiert haben, sind ihr egal.“
(Kurt Beck, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,528973,00.html)
[4] „Der Verbraucher erwartet von einem Unternehmen, das in Deutschland produziert und dessen Produkte er kauft, zu Recht Verantwortung für den Standort.“ (dergl. ebenda)

Der Millionenjackpot: Auskünfte über den Lohn

Die deutsche Staatslotterie hatte Ende des Jahres gleich zwei neue Rekorde zu verzeichnen: Noch nie wurde der Jackpot so lang nicht ausgezahlt. Das machte sich auch in der Summe bemerkbar, die angeblich „auf einen Gewinner wartete“. 45 Mio. € waren dann für viele Grund genug, mal wieder „ihr Glück zu versuchen“ – obwohl nicht ganz einzusehen ist, weshalb z.B. 5 Mio. keinen Grund darstellen. Am dritten Rekord, den größten Einsatz innerhalb einer Ziehung, ist man dann allerdings haarscharf vorbeigeschlittert.

An dem „Run auf die Lottoannahmestellen“ war die Medienwelt naturgemäß nicht ganz unschuldig. Sie hatte in dieser spannenden Superlative ein Thema gefunden, über das sie der Nation Bericht erstatten konnte. Harte Fakten, wie z.B. die sozialen Umstände der Lottospieler oder ihr Durchschnittseinkommen, bekam man leider nicht serviert. Dafür hatten man aber einen Haufen Ratschläge parat, was man mit dem „hübschen Sümmchen“, von dem einen lediglich sechs Richtige (plus Superzahl) trennen, so alles anstellen könne.

Den Eindruck, dass man das einfache Ausgeben für Luxuswaren für eine ernsthafte Option halte, versuchte man zu vermeiden. Stattdessen bekam der Rezipient und potentielle Lottomillionär allerlei Tipps, wie er die gewonnene Summe einzusetzen habe, wenn diese Früchte tragen und nicht gegen Null tendieren soll. Und um sicherzustellen, dass nicht doch jemand auf die verrückte Idee kommt, die Kohle einfach zu verprassen, wurde ein ehemaliger Glückspilz durch alle Sendeanstalten der Republik geschliffen, dessen einst millionenschweres Konto nun um einige Hunderttausend belastet ist.

Nötig war das allerdings nicht. Auch ohne die Belehrung der Medien weiss der gemeine Lottospieler, der wohl nicht zu den „Besserverdienenden“ dieser Gesellschaft gehören dürfte, dass es dumm ist, die Millionen einfach auszugeben. In den Händen von Lohnabhängigen hat der Lottogewinn nämlich eine ganz andere Aufgabe. Dass die Befassung mit dieser Aufgabe für die meisten wohl eher theoretischer Natur ist und auch bleiben wird, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Überlegungen, was mit dem Mammon anzufangen sei, dennoch Auskunft über das Lebensmittel – den Lohn – geben, von dem diese Leute aufgrund ihrer Klassenlage abhängig sind.

Es ist doch interessant: Der Millionengewinn soll ausgerechnet das leisten, was dem Lohn gemeinhin nachgesagt wird: Seinem Gewinner/Empfänger soll der eine wie der andere ein sicheres, sorgenfreies Leben verschaffen. Das eine mal durch den Verkauf der Arbeitskraft, das andere mal durch die Anwendung des Gewinns als Kapital. In der praktischen Betätigung (wenn der Jackpot dann doch besser mal „gut angelegt“ wird) oder in der theoretischen Befassung (als Gedankenspinnerei der Spieler oder eben als Ratgeber-Beitrag der Medien) erweisst sich dann allerdings, welche Tour man für tauglicher erachtet.

Wenn dem Lohn nicht gerade unterstellt wird, er würde geeignet sein um die Bedürfnisse der Arbeitnehmer zu befriedigen, dann wird zumindest immerzu diese Forderung an ihn gestellt. „Guter Lohn für gute Arbeit“ – dieser Vorstellung über die Vereinbarkeit der ökonomischen Interessen im Kapitalismus gibt man sich hin. Dabei ist die ganze Sache doch schon falsch bestimmt, wenn man den Preis, den der Unternehmer zahlt, um die Arbeitskraft gewinnbringend anwenden zu können, den gennanten Zweck unterschiebt oder von ihm verlangt.

Der Lottogewinn soll die Lohnabhängigen aus ihrer blöden ökonomischen Lage befreien. Blöd deswegen, weil es bei ihrer Geldquelle, von der sie abhängig sind, nie und nimmer um ihr Interesse an einem guten Leben geht. Mit dem Lottogewinn – als Kapital eingesetzt – verfügen sie selbst über eine Geldquelle und setzen deren Zweck.

Wer ihn hat, den Jackpot, hat wortwörtlich ausgesorgt und weiss das auch. Er verrät damit jedoch umgekehrt, in welcher Lage er sich eben noch befand – und andere weiterhin befinden.