Der Millionenjackpot: Auskünfte über den Lohn

Die deutsche Staatslotterie hatte Ende des Jahres gleich zwei neue Rekorde zu verzeichnen: Noch nie wurde der Jackpot so lang nicht ausgezahlt. Das machte sich auch in der Summe bemerkbar, die angeblich „auf einen Gewinner wartete“. 45 Mio. € waren dann für viele Grund genug, mal wieder „ihr Glück zu versuchen“ – obwohl nicht ganz einzusehen ist, weshalb z.B. 5 Mio. keinen Grund darstellen. Am dritten Rekord, den größten Einsatz innerhalb einer Ziehung, ist man dann allerdings haarscharf vorbeigeschlittert.

An dem „Run auf die Lottoannahmestellen“ war die Medienwelt naturgemäß nicht ganz unschuldig. Sie hatte in dieser spannenden Superlative ein Thema gefunden, über das sie der Nation Bericht erstatten konnte. Harte Fakten, wie z.B. die sozialen Umstände der Lottospieler oder ihr Durchschnittseinkommen, bekam man leider nicht serviert. Dafür hatten man aber einen Haufen Ratschläge parat, was man mit dem „hübschen Sümmchen“, von dem einen lediglich sechs Richtige (plus Superzahl) trennen, so alles anstellen könne.

Den Eindruck, dass man das einfache Ausgeben für Luxuswaren für eine ernsthafte Option halte, versuchte man zu vermeiden. Stattdessen bekam der Rezipient und potentielle Lottomillionär allerlei Tipps, wie er die gewonnene Summe einzusetzen habe, wenn diese Früchte tragen und nicht gegen Null tendieren soll. Und um sicherzustellen, dass nicht doch jemand auf die verrückte Idee kommt, die Kohle einfach zu verprassen, wurde ein ehemaliger Glückspilz durch alle Sendeanstalten der Republik geschliffen, dessen einst millionenschweres Konto nun um einige Hunderttausend belastet ist.

Nötig war das allerdings nicht. Auch ohne die Belehrung der Medien weiss der gemeine Lottospieler, der wohl nicht zu den „Besserverdienenden“ dieser Gesellschaft gehören dürfte, dass es dumm ist, die Millionen einfach auszugeben. In den Händen von Lohnabhängigen hat der Lottogewinn nämlich eine ganz andere Aufgabe. Dass die Befassung mit dieser Aufgabe für die meisten wohl eher theoretischer Natur ist und auch bleiben wird, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Überlegungen, was mit dem Mammon anzufangen sei, dennoch Auskunft über das Lebensmittel – den Lohn – geben, von dem diese Leute aufgrund ihrer Klassenlage abhängig sind.

Es ist doch interessant: Der Millionengewinn soll ausgerechnet das leisten, was dem Lohn gemeinhin nachgesagt wird: Seinem Gewinner/Empfänger soll der eine wie der andere ein sicheres, sorgenfreies Leben verschaffen. Das eine mal durch den Verkauf der Arbeitskraft, das andere mal durch die Anwendung des Gewinns als Kapital. In der praktischen Betätigung (wenn der Jackpot dann doch besser mal „gut angelegt“ wird) oder in der theoretischen Befassung (als Gedankenspinnerei der Spieler oder eben als Ratgeber-Beitrag der Medien) erweisst sich dann allerdings, welche Tour man für tauglicher erachtet.

Wenn dem Lohn nicht gerade unterstellt wird, er würde geeignet sein um die Bedürfnisse der Arbeitnehmer zu befriedigen, dann wird zumindest immerzu diese Forderung an ihn gestellt. „Guter Lohn für gute Arbeit“ – dieser Vorstellung über die Vereinbarkeit der ökonomischen Interessen im Kapitalismus gibt man sich hin. Dabei ist die ganze Sache doch schon falsch bestimmt, wenn man den Preis, den der Unternehmer zahlt, um die Arbeitskraft gewinnbringend anwenden zu können, den gennanten Zweck unterschiebt oder von ihm verlangt.

Der Lottogewinn soll die Lohnabhängigen aus ihrer blöden ökonomischen Lage befreien. Blöd deswegen, weil es bei ihrer Geldquelle, von der sie abhängig sind, nie und nimmer um ihr Interesse an einem guten Leben geht. Mit dem Lottogewinn – als Kapital eingesetzt – verfügen sie selbst über eine Geldquelle und setzen deren Zweck.

Wer ihn hat, den Jackpot, hat wortwörtlich ausgesorgt und weiss das auch. Er verrät damit jedoch umgekehrt, in welcher Lage er sich eben noch befand – und andere weiterhin befinden.