Der falsche Appell an soziale Verantwortung

Mit dem Appell an soziale Verantwortung ist der Bürger schnell zur Stelle. Zur Zeit trifft er die Supermärkte und Molkereien, die mit ihrer Preispolitik den hilflosen Bauern zusetzen. Vor einiger Zeit war der Arbeiter entlassende Handyhersteller Nokia ins Kreuzfeuer appellierender Bedenkenträger geraden. Und auch eine streikende Lokführergewerkschaft traf vor nicht all zu langer Zeit der Vorwurf, mit ihrer Verantwortung für die – in diesem Fall – deutsche Wirtschaft sehr fahrlässig umzugehen.

Von welcher Beschaffenheit diese Verantwortung sein soll, die immer dann der einen Seite unterstellt wird, wenn die andere gerade einen Schaden von ihr trägt, bleibt stets unerwähnt.

Eines fällt jedoch auf: Wenn sich der Bürger zur Abwendung seines Schadens auf soziale Verantwortung beruft, führt er sein Lieblingsargument – das Gesetz – nicht ins Feld. Von rechtlicher Art ist die behauptete Verantwortung offenbar nicht. Ganz im Gegenteil: Das Recht sorgt gerade dafür, dass die betreffenden Institutionen die Freiheit genießen, gegen die Interessen der Geschädigten zu handeln. So bei den in der Kritik stehenden Supermärkten, denen qua Recht zugestanden wird, die Bedingungen der Veräußerung ihrer Waren nach Gutdünken selbst zu regeln (=Privateigentum).

Das weiß er auch, der Bürger. Und so ist sein Appell an sozialen Verantwortung gerade das Resultat der Einsicht, hier einer ökonomischen Macht hilflos gegenüber zu stehen. Eine Einsicht, die ihn leider nicht zu der Frage führt, was für eine beknackte Produktionsweise das ist, die ihn von gegensätzlichen Privatinteressen abhängig macht.

Stattdessen richtet sich sein Blick auf die ökonomischen Subjekte, von denen er im Klartext fordert, dass sie ihre Macht so gebrauchen sollen, dass es ihm zum Vorteil gelangt. Und er wundert sich dabei nicht einmal, dass diese Macht eben noch das Mittel war, gegen sein Interesse vorzugehen.


1 Antwort auf “Der falsche Appell an soziale Verantwortung”


  1. 1 katakombe 09. Juli 2008 um 21:14 Uhr

    hmmh bleibt nur die frage offen, wann der/ die bürger_in selbst soziale verantwortung für sein/ihr umfeld trägt. pröbeln läuft super auf die „da oben“, aber mal selber den spielregeln des kapitalismus trotzen, ist dann doch zu anstrengend. konsum strahlt einen anziehungskraft aus, der es sich schwer zu wider setzen gilt. rebellion stand auch wannanders auf der todo- liste. meine wenigkeit ist perspektivlos, zugegeben auch was diesen block betrifft …

    wann gibt es endlich mal wieder feinsinnige und knackigen texte in marxrhetorik? sommerloch wie überall?

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