Nationalismus in der Krise

Alexander Hagelüken kommentiert in der Süddeutschen Zeitung die Finanzkrise:

Im Kern geht es darum, ein Finanzsystem ins Gleichgewicht zu bringen. Hedgefonds sitzen bevorzugt in Steuer-Oasen, wo sie ohne staatliche Aufsicht mit Summen jonglieren, mit denen sie alle großen deutschen Konzerne kaufen könnten. Eine nützliche Idee wie die Kreditversicherung ist zu einer Spekulationswaffe mutiert – mit dem zehnfachen Volumen der deutschen Wirtschaftsleistung. Mit einem Wimpernschlag werden Werte in der Größe zerstört, wie sie alle Deutschen in einem langen Arbeitsjahr schaffen. Die neuen Gewalten zerren selbst an große Industriestaaten. Ihre Kräfte müssen gezähmt werden, damit die Bürger die Kontrolle über ihr Dasein zurückerlangen – statt ständig in der Furcht zu leben, dass anonyme Mächte mit ihrer Existenz spielen.

Ja, da ist einfach alles dabei, was einen guten Nationalisten ausmacht: Vor auswärtigen (noch dazu anonymen) Kapitalen, mit der Potenz die deutsche Wirtschaft platt zu machen, gilt es sich in acht zu nehmen. So als wäre die deutsche Binnenökonomie ein freundliches Pfadfinderlager mit dem Zweck, die schwarz-rot-goldene Fähnlein Fieselschweif-Bande durchzufüttern. Dass jedes x-beliebige Unternehmen immer drauf und dran ist, seine Konkurrenten abzuwatschen, und zwar ganz gleichgültig bei welchem Staat die Konkurrenz gemeldet ist, weil ein spanisches Unternehmen nun mal genauso eine Schranke für den eigenen unternehmerischen Erfolg darstellt, wie ein deutsches, kommt dem Hagelüken nicht in den Sinn.

Der macht lieber Stimmung indem er von den Werten erzählt, die die Deutschen im Angesicht ihres Schweißes („langes Arbeitsjahr“ – schon klar!) erarbeitet hätten, und tut dabei so, als müsste es jedem lohnarbeitenden Fatzke ein riesiges Anliegen sein, dass das Eigentum, das er unter dem Kommando des Kapitals und für das Kapital geschaffen hat, auch weiterhin in dessen Händen bestehen bleibt. Darüber hinaus vergisst der Hagelücken, dass die lohnabhängige Masse von diesem Geschäft auch sonst nicht weiter hat, als einen Lohn, der nicht klein genug sein kann – das heißt, falls man überhaupt als Mittel für den Gewinn eines Unternehmen gebraucht wird.

Aber vollkommen lächerlich macht sich dieser Schmierfink mit der Forderung, dass die „anonymen Mächte“ gezähmt“ werden müssen, „damit die Bürger die Kontrolle über ihr Dasein zurückerlangen“. Ich weiß ja nicht, wen der Kerl mit „Bürger“ meint. Aber das die Masse der Leute noch nie die Kontrolle über ihr Dasein hatte, weil ein paar wenige die Mittel dazu ihr Eigen nennen und nicht im Traum daran denken, diese Potenzen einfach zur Bedürfnisbefriedung zu benutzen, schießt doch geradezu ins Auge. Und sollte es wirklich darum gehen, die Produktion des Daseins gemeinschaftlich zu kontrollieren, dann sollte man diese „anonymen Mächte“ nicht „zähmen“, sondern muss sie sich bekannt machen und brechen.