Max Frisch gegen die bürgerliche Freiheit

Aus dem Roman „Stiller“:

[…] Mein Verteitiger irrt sich; ich hasse nicht die Schweiz sondern die Verlogenheit. Das ist, auch wenn es in der Folge oft aufs gleiche hinausläuft, grundsätzlich ein Unterschied. Als Häftling, mag sein, bin ich besonders empfindlich auf ihr Schlagwort von der Freiheit. Was, zum Teufel, machen sie denn mit ihrer sagenhaften Freiheit? Wo es irgendwie kostspielig wird, sind sie so vorsichtig wie irgendein deutscher Untertan. In der Tat, wer kann es sich leisten, Frau und Kinder zu haben, eine Familie mit Zubehör, wie es sich gehört, und zugleich eine freihe Meinung nicht bloß in Nebensachen? Dazu braucht es Geld, so viel Geld, daß einer keine Aufträge braucht und keine Kunden und kein Wohlwollen der Gesellschaft. Wer aber so viel Geld beisammen hat, daß er sich wirklich die freihe Meinung leisten könnte, ist ohnehin mit den herrschenden Verhältnissen meistens einverstanden. Was heißt das? Auch hierzulande herrscht das Geld, heißt das. Wo bleibt also die glorreiche Freiheit, die sie sich wie einen verdorrten Lorbeer hiner den Spiegel stecken; wo bleibt sie in iher täglichen Wirklichkeit? Mein Verteitiger schüttelt den Kopf.
„Wenn Sie vor dem Gericht so reden werden“, sagt er ganz hoffnungslos, „vor der versammelten Presse –“
Das ist es ja.
„Damit schaden Sie sich nur“, sagt er.
Wahrscheinlich kann es überhaupt keine Freiheit geben, wie man sie hierzulande zu haben behauptet; es gibt nur Unterschiede in der Unfreiheit, und ich gebe gerne zu, daß sie eine vergleichsweise milde Form von Unfreiheit haben. Sie werden mich nicht erschießen. Dafür bin ich ihnen denn auch sehr dankbar, doch nicht verpflichtet, die landesüblichen Verlogenheiten zu lieben. Er nennt es anders, ich weiß, die Verlogenheit in ihrer gefährlichsten Form, nämlich wenn sie mit einer Fahne antritt, mit dem Anspruch, heilig und unantastbar zu sein; er nennt das Vaterlandsliebe. Es ist blöd von mir, daß ich mich immer wieder bis zur Ernsthaftigkeit aufrege. Man kann mit diesen Schweizern nicht über Freiheit sprechen, ganz einfach, weil sie es nicht ertragen, daß man sie in Frage stellt, die Freiheit, und daß man sie nicht als ein schweizerisches Monopol betrachtet, sondern als ein Problem. Überhaupt fürchten sie sich vor jeder offenen Frage; sie denken immer gerade soweit, wie sie die Antwort schon in der Tasche haben, ein praktische Antwort, eine Antwort die ihnen nützlich ist. Und insofern denken sie überhaupt nicht; sie rechtfertigen nur. Sie wagen es unter keinen Umständen, sich selbst in Zweifel zu ziehen. Ist das nicht gerade das Zeichen geistiger Unfreiheit? Sie können sich wohl vorstellen, daß Frankreich oder Großbritannien einmal untergehen; aber nicht die Schweiz, das würde Gott, sofern er nicht Kommunist wird, nie zulassen, den die Schweiz ist doch die Unschuld. Ich habe übrigens darauf geachtet, wie oft mein Verteitiger zur Rechtfertigung der Schweiz, auf russische Untaten verweist, auf Hitler lieber nicht; wie es ihm als Schweizer schmeichelt, die fürchterliche Tatsache, daß es anderswo Konzentrationslager gibt. Was will er damit, in Hinsicht auf sein Land eigentlich beweisen? Einmal wage ich zu sagen:
„Sie hatten Glück, Herr Doktor, daß Hitler damals eure Souveränität und damit euer Geschäft bedroht hat; damit verbot sich die eigene Entwicklung zum Faschismus. Aber sie glauben doch nicht im Ernst, daß das schweizerische Bürgertum, als einziges in der Welt, keine Gefälle habe zum Faschismus, wenn er einmal ihr Geschäft nicht bedroht, sondern steigert? Die Probe wird nicht ausbleiben, lieber Doktor, ich bin gespannt.“
Darauf packt er seine Ledermappe.
„Als freier Schweizer“, sagt er und scheint schon wieder gekränkt zu sein. „– Warum lachen Sie?“
Frei! Frei! Frei! und umsonst ersuche ich ihn, einmal zu sagen: frei wovon? und vor allem! frei wofür? Er sagt einfach, er sei frei, und auch ich, der ich auf der Pritsche hocke und den Kopf schüttle, wäre frei, wenn ich bloß die Vernunft hätte, ihr verschollener Schweizer zu sein. Die Hand auf der Klinke, bereit in seine Freiheit hinauszugehen, sagt er ganz harmlos-besorgt:
„Warum schütteln Sie den Kopf?“
Man müßte denken können. Man müßte sich ausdrücken können, so daß ihnen nichts anders übrigbliebe als ihre Wahrheit. Ich sehe bloß, daß es sogar mit der staatsbürgerlichen Freiheit, deren sie sich so Rühmen, als wäre sie die Freiheit des Menschen schlechthin, in der Tat ziemlich faul ist, und ich kann mir ausrechnen, das sie als ganzes Land, als Staat unter Staaten, genauso unfrei sind, wie irgendein kleiner Kleiner unter Größeren, das ist un einmal so, nur dank ihrer Unwichtigkeit (ihrer heutigen Geschichtslosigkeit) können sie sich selbst zuweilen in dem Anschein gefallen, unabhängig zu sein, und auch dank ihrer kaufmännischen Vernünftigkeit, die sie um des Handels willen zwingt, höflich zu sein mit den Mächtigen, und wer gegen die Mächtigen, da er so wohl von ihnen lebt, nichts einzuwenden hat, wird sich immer frei und unabhängig fühlen. […]

Max Frisch, Stiller, suhrkamp (1973), Seite 196ff


2 Antworten auf “Max Frisch gegen die bürgerliche Freiheit”


  1. 1 Verein zur Beförderung des demokratischen Pluralismus 28. Dezember 2008 um 20:10 Uhr

    Schöne Fundstelle.

  2. 2 pünktchen 21. Januar 2009 um 9:19 Uhr

    find ich auch, stelle sehr gut ausgewählt.

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